COLOURS OF THE STREET – Streetfotografiein Berlin


Eine Projektkurs-Ausstellung unter der Leitung von Ebba Dangschat

Neue Zwischentöne…

Welche Farben hat die Straße? Welche Farben hat Berlin? Über ein Jahr beschäftigte sich meine Projektklasse mit Streetfotografie in der Hauptstadt. Unsere fotografische Feldforschung konzentrierte sich dabei in erster Linie nichtauf klassisch dokumentarische Sichtweisen, sondern verstärkt auf individuelle Erzählformen der Straße.

Zunächst setzen wir uns einmal mit der Definition von Streetfotografie auseinander. In einem Artikel aus dem British Journal of Photography aus dem Jahre 1878 wird sie noch wie folgt definiert:”the photographing of views of the streets and street architecture generally, of our cities and towns…” Der französische Fotograf Eugène Atget hielt um die Jahrhundsertwende das alte Paris noch umständlich mit der Plattenkamera fest. Vorrangig war er an der Dokumentation der Straßenzüge interessiert. Wer ihm vor die Linse kam, musste sich Zeit für einen längeren Aufnahmeprozess nehmen, so dass Spontaneität sich kaum auf den Bildern finden lässt. Fünfzig Jahre später profitierten Wegbereiter der Straßenfotografie wie Henri Cartier-Bresson oder Robert Doisneau bereits von der technischen Weiterentwicklung und hielten den wahrhaften, “entscheidenden Augenblick” fest – oder nutzten das städtische Umfeld für gekonnte Inszenierungen. Mit zunehmender Verfügbarkeit handlicherer Kameras gingen immer mehr Amateure mit ihrer Kleinbildkamera auf die Straße und fingen mit dem Weiwinkelobjektiv das unmittelbare Treiben um sie herum ein: unverfälscht und mittendrin.

Bis heute hat sich der Authentizitätsanspruch der Streetfotografen nicht verändert.

Seit den Anfängen des 21. Jahrhunderts ist die Fotografie aufgrund ihrer Digitalisierung und der rasant schnellen Verbreitung über soziale Netzwerke zum Massenmedium geworden. Die Flut der Bilder bewirkte auch eine Aufweichung oder Ausweitung der ursprünglichen Idee der Streetfotografie.

Um die Qualität des Genres Streetfotografie zu sichern, gründete der britische Fotograf Nick Turpin im Jahr 2000 das erste internationale Kollektiv von Straßenfotografen. Er erfanddie Bezeichnung der Candid Public Photography (candid= ungestellt, rein) und stellte Regeln auf, die ‚wahre‘ Streetfotografie ausmachen soll. Als Schlüsselaspekte nennt er den Verzicht auf Intervention während des Fotografierens, den öffentlichen Raum als Kulisse und den Verzicht auf Nachbearbeitung der Bilder mit dem Computer.

Worin besteht nun die besondere Qualität der Streetfotografie?Nach Turpins Definition hält ein gutes Streetfoto demnach eines besonderes, reales Ereignisses in einem unspektakulären öffentlichen Umfeld fest. Die Kunst bestünde darin, das Besondere fotografisch aus dem Unspeziellen herauszuheben, jedoch ohne in das Setting einzugreifen. Die Trennlinie zwischen reiner Dokumentation und Inszenierung ist jedoch fließend. Am Ende zeugt allein das Framing während des fotografischen Aufnahmeprozesses vom subjektiven Erleben des fotografischen Auges und seiner individuellen Autorenschaft.

Das Wissen um diese dem Wesen der Fotografie innewohnenden Subjektivität weitet also den Horizont und sprengt die Grenzen des rein Dokumentarischen.

In diesem Projektkurs war von Beginn an klar, dass uns nicht der dokumentarische Anschein unserer Fotografien interessierte, sondern ganz bewusst ein individuelles Sehen und Erleben der „Straße“. Der Titel „Colours of the street“ indiziert bereits, dass es sich hier im übertragenen Sinne um ganze Farbspektren handeln könnte, die es zu entdecken galt.

Zu Beginn setzten wir uns mit der unterschiedlichen Wirkung von Farb- und Schwarzweißfotografien auseinander. Einige Fotografien von Joel Meyerowitz, einem der Wegbegleiter der  us-amerikanischen New Color Photography aus den 60 und 70er Jahren, wurden gleichzeitig in Farbe und Schwarzweißaufgenommen. Hin- und hergerisssen zwischen traditioneller SW-Fotografie und den Neuentwicklungen der Farbfilmtechnologie, untersuchte und kommentierte er die unterschiedliche Bildwirkung einzelner Motive in Schwarzweiß und Farbe.  Während Schwarzweiß die gewählte Komposition und grafische Elemente zu unterstützen schien, eröffnete die Farbwelt ein erweitertes emotionales Erleben der Bilder. Sei es, weil Farben mehr oder weniger bewusst unsere Stimmungen beeinflussen, sei es, weil die Bilder in Farbe aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit der „Realität“ noch unverfälschter wirken können – mit dem zunehmenden Einsatz von Farbfilmmaterial gewann die Straßenfotografie zugleich neue Erlebnishorizonte wie auch eine neue Nähe zum Gesehenen hinzu.

Die hier ausgestellten Arbeiten enthalten zwar dokumentarische Züge, arbeiten also im klassischen Sinne mit „so vorgefundenen“ Motiven in der Straße, nutzen jedoch bewusst die unterschiedlichen Aspekte von Farbe, um die intendierte Aussage zu verstärken.

Wenn uns Marco Lessner in seiner Arbeit FarbWandel über den Lauf der Jahreszeiten an den selben Zwischenraum führt, in dem Sprayer ihre vergänglichen Signaturen an Mauern sprühen, die bereits dem Abriss geweiht sind, empfinden wir die Stimmung des sommerlichen Laissez-faire in bunten Farben und erleben, wie mit zunehmender Verwaisung des Ortes die Farbschichten verblassen, um im Winter in kühlblauer Einsamkeit einer ungewissen Zukunft  entgegenzudämmern.

Ein großes Mosaik voller Farben hängt Wolf Abraham als Gefunden an die Wand. Als selbsternannter Flaneur fällt sein stets wandernder Blick auf Skuriles, Zeichenhaftes an Hauswänden, Straßenlaternen und Abseitiges- Zeugnisse städtischen Lebens und zwischenmenschlichen Sendungsbewusstseins, die jedoch immer ohne den Menschen selbst auskommen. Selbstironisch unterscheiden seine Präsentationsformen zwischen Beiläufigem,  Ausgewähltem und Unerheblichem…

Eine Mosaik gerichteter Bewegung stellt Beate Kunath mit ihrer Arbeit her: Kreuz und Quer folgt ihre Kamera den verschiedenen Wegen anonymer Radfahrer, die auf rot markierten Spuren wandeln. Durch den ordnenden Blick der Fotografin entsteht ein Gittermuster verschiedenster Wegmöglichkeiten. Über Ziel und Identität der Reisenden lässt sich rätseln. Kaum haben wir ein sprechendes Indizentdeckt, ist man oder frau auch schon aus dem Bild gefahren.  

Farben geben leise Hinweise auf Individualität, wenn wir unseren Blick mit Karin Rennenberg auf das Fußvolk senken:Schuhe, Beinkleider und Haltung von Passanten sprechen eine eigene Sprache und verweisen auf mögliche Begegnungen und Geschichten ihrer unbekannten Träger…

Ein weiterer, aufrüttelnder Blick der Fotografin fällt auf das Abseitige unter uns: Rennenberg erhebt die farbigen Aufbauten einer Bettstatt eines Wohnungslosen zum Kunstwerk, indem sie das ephemere Refugium in Originalgröße an die Wand klebt. „Bitte liegenlassen“ lautet ein Hinweis – etwas, das wir jeden Tag tun, oft ohne auch nur anzuhalten.

Die Arbeit HEAT von Eleonore Roedel beschäftigt sich mit jenen, die etwas ändern wollen und für ihre Überzeugung alsDemonstranten auf die Straße gehen. Roedel setzt sich der teils agressiven Dynamik der Gruppenbildung aus, fotografiert die Demonstrierenden mit der Wärmebildkamera erst aus der Distanz, konfrontiert dann aus zunehmender Nähe. Die farbliche Übersetzung der Wärmebildkamera inszeniert gebündelte Energie in Form von feuerfarbenen Silhouetten vor dem kühlen, unbelebten Hintergrund der Stadt…

Die unruhige Dynamik der Stadt ist auch Alejandro Montoyas Thema. In seiner Serie Stadtrauschen taucht er ein in das nächtliche Treiben auf Berlins Straßenkreuzungen. In Langzeitbelichtungen gibt er den bunten Lichtern Zeit, sich in das Bild einzuschreiben. Die

Überlagerung von Farbschichten und Bewegungsspuren erzeugen ein visuelles Rauschen, das für den Nachtschwärmer Ausdruck ungestillter Sehnsüchte ist…

Jede der entstandenen Arbeiten gewinnt Berlin andere Farben ab und deckt vielleicht auch inhaltlich neue Zwischentöne auf.Wir laden Sie ein, auf den Folgeseiten die vielfältigen Farben der Straße zu entdecken…

 

Ebba Dangschat, Juni 2022